Mehr Schweiz als der SMI: Was 36 Aktien abdecken und 20 nicht

Mehr Schweiz als der SMI: Was 36 Aktien abdecken und 20 nicht

Nestlé, Novartis, Roche und UBS haben es nicht in den Obermatt Swiss Pearls Index geschafft. Hätte man mich gefragt, bevor ich mir auch nur eine einzige Zahl angeschaut hätte, welche Schweizer Aktien "das Beste der Schweiz" sind, hätte ich ohne zu zögern alle vier genannt. So sind die meisten von uns darauf trainiert, über Schweizer Qualität zu denken. Vier globale Giganten, jeder älter als die meisten Staaten, jeder ein fester Bestandteil praktisch jeder europäischen Pensionskasse.

Dass diese Giganten fehlen, ist kein Versehen: es ist das Ergebnis unserer Anlagestrategie.

Für alle, die den OMSP1 noch nicht so gut kennen, lohnt sich eine kurze Auffrischung des Mechanismus dahinter. Jede Aktie im Index verdient sich ihren Platz über denselben Test, die Obermatt 360° Sicht, die Sicherheit, Wachstum, Value und Sentiment zu einer einzigen, vergleichbaren Kennzahl verdichtet. Einmal im Monat verkauft der Index die Position mit der tiefsten 360° Sicht und kauft dafür die Schweizer Aktie, die noch nicht enthalten ist und die höchste 360° Sicht aufweist. Mindestens einmal im Jahr wird auf annähernd gleiche Gewichte zurückgesetzt, damit keine einzelne Aktie zu stark dominiert.

Führen wir Nestlé durch die Obermatt-Ränge, ergibt sich eine 360° Sicht von 16, Novartis liegt bei 29 und Roche bei 34. Alle drei liegen damit deutlich unter jedem der 36 aktuell im Index enthaltenen Unternehmen. Der überraschende Teil ist, woher diese Schwäche tatsächlich kommt, denn alle drei weisen Gewinnwachstums-Ränge nahe am oberen Ende der Skala auf, 100 bei Nestlé und Roche, 98 bei Novartis, das operative Geschäft läuft also einwandfrei. Die Bremse kommt von der Sicherheit, genauer gesagt von der Verschuldung (Leverage). Der Verschuldungs-Rang von Nestlé liegt bei nur 10, jener von Novartis bei 11 und jener von Roche, etwas besser, bei 19. Auf gut Deutsch: Alle drei tragen derzeit im Verhältnis zu ihrer Grösse mehr Schulden als die meisten ihrer globalen Konkurrenten, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Obermatt-Methode Unternehmen mit saubereren Bilanzen belohnt. Der Ruf sagt, dies seien die sichersten Aktien der Schweiz. Die Zahlen sagen, dass sie derzeit auf eine Art finanziert sind, die riskant erscheint.

Die Geschichte von UBS ist eine ganz andere. Die 360° Sicht liegt bei nur 1, dem tiefsten Wert der vier Namen, doch die Bremse ist hier nicht die Verschuldung. Der Value-Rang liegt ebenfalls bei 1, vor allem wegen eines Dividendenrendite-Rangs von nur 1, und der Refinanzierungs-Rang, ein spezifischer Bestandteil der Sicherheit, liegt ebenfalls bei nur 1, obwohl der zugrunde liegende Verschuldungs-Rang von 41 und der Liquiditäts-Rang von 83 vergleichsweise solide aussehen. Das Wachstum ist erstaunlicherweise stark, mit einem Rang von 90. Das zeigt, dass ein Ausschluss aus dem OMSP1 selten an einer einzigen Schwäche liegt. Manchmal ist es die Verschuldung. Manchmal ist es die Art der Refinanzierung. Manchmal, wie bei UBS, ist es schlicht eine Bewertung und eine Marktstimmung, die einem sonst wachsenden Geschäft noch hinterherhinken.

Diese Lücke zwischen Marke und Bilanz, oder im Fall von UBS zwischen Wachstum und Bewertung, ist genau der Grund, weshalb der OMSP1 so aussieht, wie er aussieht, und sie zeigt sich weit über diese Namen hinaus.

Der SMI und der SPI wiederum stützen sich strukturell auf die 20 grössten Unternehmen, und in der Schweiz bedeutete das lange Zeit vor allem Pharma plus Nestlé, wobei die drei Giganten allein bereits mehr als die Hälfte des SMI ausmachen. Wenn zwei Branchen ein derartiges Gewicht tragen, wird aus dem Kauf "des Schweizer Marktes" leise eine Wette auf zwei Branchen statt auf das, was die Schweizer Wirtschaft tatsächlich ausmacht.

Genau das versucht der OMSP1 zu vermeiden, und der Effekt zeigt sich in mehr als einer Dimension. Nach Branche betrachtet, deckt er mehr als zwölf Sektoren ab, und keiner dominiert so, wie es Pharma anderswo tut. Industrie ist derzeit die grösste Position mit 36.60%, doch diese Zahl steht nicht für ein einzelnes Unternehmen, sondern für eine Mischung aus Namen wie VAT, Belimo, Sulzer und Burckhardt Compression, von denen jeder nur wenige Prozent beisteuert, statt dass das gesamte Bild auf einer einzigen Bilanz ruht. Die nächsten Ebenen, Gesundheitswesen mit 16.60% und Immobilien mit 10.25%, erzählen dieselbe Geschichte: breit und flach statt schmal und tief.

SIX-BranchenkategorieOMSP1SMI
Industrie36.60%10%
Gesundheitswesen16.60%36%
Immobilien10.25%0%
Dienstleistungen7.83%0%
Technologie für Information und Kommunikation6.71%1%
Zyklischer Konsum6.62%7%
Finanzwerte5.18%22%
Basiskonsumgüter5.06%15%
Grundstoffe2.94%9%
Versorger2.21%0%
Kommunikation, Medien und Unterhaltung0%1%

Dieselbe Logik zieht sich auch durch die Unternehmensgrösse, und hier ist der Kontrast zum SMI sogar noch deutlicher. Nach Gewicht liegen 63.18% des SMI allein in der Grössenklasse XX-Large, eine Handvoll Giganten trägt also den grössten Teil des Index. Der OMSP1 hält im Vergleich nur 6.35% in XX-Large, während sich der Grossteil seines Gewichts auf die Klassen Medium (35.95%) und Small (27.11%) verteilt, also genau jene Bereiche des Marktes, die der SMI kaum berührt.

Obermatt-GrössenklasseOMSP1SMI
XX-Large6.35%63.18%
X-Large11.58%9.14%
Large19.01%14.74%
Medium35.95%9.19%
Small27.11%3.75%

Namen, die es im SMI nicht gibt

Einige der bestplatzierten Unternehmen im OMSP1 besetzen Ecken der Schweizer Wirtschaft, die der SMI gar nicht erreicht. Immobilien und Tourismus haben im SMI praktisch keine Präsenz, doch der Index hält derzeit PSP Swiss Property (360° Sicht: 90), Allreal (92) und HIAG Immobilien, dazu Jungfraubahn, die Betreiberin der Jungfraujoch-Bahn. Spezialisierte Instrumentierung und Ingenieurwesen, wesentlich für die Industrie, aber für den Endkonsumenten kaum sichtbar, ist mit Inficon (94), Sensirion, VAT Group und Huber+Suhner vertreten. Regionales, beziehungsorientiertes Bankgeschäft wird durch Valiant abgedeckt, ein Segment, das die Universalbanken des SMI nicht bedienen. Keines dieser Unternehmen ist gross oder bekannt genug für die traditionellen Benchmarks. Genau deshalb landen sie in einem Index, der auf finanzieller Qualität statt auf Marktkapitalisierung aufgebaut ist.

Zwei der aktuellen Spitzenreiter des Index verdeutlichen das noch direkter. Alcon steht mit einer 360° Sicht von 100 ganz oben im OMSP1. Das Unternehmen war jahrzehntelang die Augenheilkunde-Sparte von Novartis, bevor es 2019 als eigenständiges Unternehmen abgespalten wurde, jenes Novartis, das heute eine 360° Sicht von nur 29 aufweist. Bachem (93) stützt sich auf einen nahezu perfekten Liquiditäts-Rang von 100 und einen Sicherheits-Rang von 98, und SoftwareONE (89) verfügt über einen starken Verschuldungs-Rang von 86. Solche Details, nicht nur Grösse oder Branche eines Unternehmens, sind genau das, was die 360° Sicht sichtbar machen soll.

Ob sich diese ganze Disziplin tatsächlich auszahlt, ist eine berechtigte Frage, und die Zahlen beantworten sie. Seit Lancierung erzielte der OMSP1 ein Jensen Alpha von +2.46% gegenüber dem SMI, das heisst, er lieferte pro Jahr 2.46 Prozentpunkte mehr Rendite, als sein Marktrisiko allein erwarten liesse. Sein Beta von 0.64, gegenüber 0.70 beim SMI, erzählt eine ähnliche Geschichte: Das Beta misst, wie stark sich ein Index im Verhältnis zum Gesamtmarkt bewegt, eine tiefere Zahl bedeutet also, dass der OMSP1 weniger stark schwankt. Zusammen mit einer leicht höheren Sharpe Ratio (0.63 gegenüber 0.62) ergibt sich ein stimmiges statt dramatisches Bild: etwas mehr Rendite bei etwas weniger Risiko, erzielt durch das systematische Vermeiden jener Konzentration, die im Zentrum der traditionellen Benchmarks steht. Für Anleger liegt genau darin der eigentliche Vorteil: eine einfache Buy-and-Hold-Position, während im Hintergrund jeden Monat die Arbeit erledigt wird, Konzentrations- und Finanzierungsrisiken zu vermeiden, ohne dass Sie selbst eine einzige Aktie auswählen müssen.

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